Fellini-Filme und ihre Musical-Fassungen. Und “Chicago”
Da werde ich etwas weiter ausholen müssen, dazu hören wir Lionel Barts Musicalfassung von “La Strada”, in der es wie der schönste Nino Rota schnauft, röchelt, döngelt und eiert, die es aber leider nur bis zum Demoband geschafft hat. Die Wahrscheinlichkeit, daß sie eines Tages verfilmt, oder auch nur aufgeführt wird, ist eher gering. Daß “Nine”, Maury Yestons geniale und von Kennern verehrte, aber nicht sonderlich bekannte Musicalfassung von Fellinis “8 1/2”, verfilmt wurde, verdankt sich wahrscheinlich der Tatsache, daß sich Rob Marshall, der Möchtegern-Bob-Fosse unserer Tage, nachdem er mit seiner unglücklich konzipierten und noch unglücklicher besetzten Verfilmung von ”Chicago” ein wenig Erfolg hatte, sagte: “Wenn Fosse ein Fellini-Musical gemacht hat, will ich auch ein Fellini-Musical machen.” Ich muß zugeben, daß er “Nine” nicht ganz so grundlegend ruiniert hat wie “Chicago”, es ist ein ganz hübscher Film geworden, obwohl er weder als Musicalverfilmung noch als Remake von “8 1/2” besonders überzeugt. Einmal nämlich hat Fosse eine Show, die jemand anderes, Hal Prince nämlich am Broadway inszeniert hatte, verfilmt (siehe hier) indem er sie radikal umgestaltete und sozusagen “entmusicalte”, und nur die Stellen, in denen innerhalb der Handlung tatsächlich gesungen wurde (einige der handelnden Personen sind glücklicherweise Unterhaltungskünstler) übrig gelassen, als Kommentar zur “realistischen” Handlung. Dieses Prinzip will nun, ignorierend, daß Bob Fosse hier, wie er es eigentlich immer tat, neue und ungewöhliche Wege beschritt, und nie irgendwas nachgemacht hätte, Rob Marshall auch für seine Musicalverfilmungen anwenden, was mir im Falle von Fosses “Chicago”, dessen Pointe ja irgendwie ist, daß die Mordgeschichte als Revue “falsch” erzählt ist, nicht besonders sinnvoll erscheinen mag. Er beschert uns also eine unnötige Darstellung der im Stück nur angerissenen Realhandlung, erklärt die Revue irgendwie zu Träumen, und hält noch nicht mal das durch. Bei “Nine”, für das er sich wieder skrupellos bei alten Fosse-Choreograhien bedient, obwohl der damit nun wirklich nichts zu tun hat, funtioniert es etwas besser, weil “8 1/2” schon ein Film ist, in dem sich die (allerdings sparsamer gezeichnete) Handlung in Träumen bzw. Filmen des berühmten Filmregisseurs auflöst. Marshall erklärt viel zu viel, hat immer noch Skrupel, obwohl das in Musicals eigentlich so üblich ist, die Leute einfach lossingen zu lassen, und streicht deshalb entsetzlich viel Musik. Das Musical “Nine” nämlich erreichte seine schönste Darbietungsform nicht auf der Bühne, sondern in der Royal Festival Hall mit Jonathan Pryce als eine Art Oratorium, das glücklicherweise auf CD zu bekommen ist, und ich kann nur allen raten, die den Film ein wenig mochten, sich diese zu besorgen und anzuhören: Hier ist die Musik ein großes, verschachteltes, opernhaftes Wunderwerk, und nicht nur ist es ein Jammer, wieviel davon verschwunden ist, sondern auch völlig rätselhaft, warum sie teilweise durch andere, schlechtere ersetzt werden mußte. Die unnötige, von Kate Hudson allerdings ganz lustig vorgetragene Popnummer für die Charts will ich noch durchgehen lassen (in der wahrscheinlich auch falschen Annahme, daß man dringend eine Popnummer für die Charts braucht), aber warum das wunderschöne und sehr ergreifende “Be on your own” durch eine langweilige und Luisas Charakter auch völlig widersprechenden Blues-mit-Stripnummer ersetzt werden mußte, will mir echt nicht ins Hirn. Was den Film rettet, sind die wunderbaren Schauspieler, die sich diesmal bis auf Nicole Kidman, die kein besonders adäquater Ersatz für Claudia Cardinale ist und auch prompt ihr Lied versemmelt, ihrer Aufgabe gewachsen zeigen: Daniel Day-Lewis ist fast so cool wie Marcello Mastroianni, Judi Dench (die Sally Bowles der Londoner Premiere von “Cabaret”) besinnt sich auf ihre Musicalfähigkeiten und beschert uns ein herrliches “Folies bergere”, Marion Cottilard ist entzückend, als italienisches Kino-Schmankerl gibt es Sophia Loren, und, ach, Penelope, Penelope, Penelope……
Fosse hat mit “seinem” Fellini-Musical-Film “Sweet Charity” den Vorteil, daß auch schon die Bühnenproduktion seine war, und daß “Die Nächte der Cabiria” der deutlich handfestere Fellini-Film ist. Mit Handlung, Giulietta Masina als Cabiria wandelt mit kulleräugigem Optimismus durch die Anfechtungen ihres tristen Lebens, welche vom legendären Produktionsteam aus Fosse, Neil Simon, Cy Coleman und Dorothy Fields aus dem ärmlichen Italien der 50er ins glitzernde New York der 60er verlagert wurde. Hier darf hemmungslos und ohne Ausrede gesungen und getanzt werden, und wenn Shirley MacLaine ihre Requisiten für die Hut und Stock-Nummer beisammen hat, geht schon auch mal das Licht aus, und sie bekommt ihren Verfolgungs-Scheinwerfer. Danach geht das Licht eben wieder an, das würde sich Rob Marshall nie trauen. Die Nacherzählung des Fellini-Films ist trotzdem sehr akkurat, bis hin dazu, daß Charity an der gleichen Stelle wie Cabiria gegen eine Glastüre dengelt, bietet aber eine fast noch hübschere Schlußpointe, in der sich John McMartin als Oscar nicht wie für Cabiria als weiterer Schurke, sondern als zu gut für Charity herausstellt, zudem einige der durchgedrehteste, wahsinnigesten und Fosse-typischsten Choreographien aller Zeiten, einen sensationellen Gastauftritt von Sammy Davis jr., “Nicely, nicely” Stubby Kaye, Paula Kelly, den lustigsten Moment für die Pause und Ricardo Montalban.
Außerdem ist “Sweet Charity” der große, und bis zu ihrem Sekunden-Auftritt im “Chicago”-Film einzigen Kino-Moment der unglaublichen Chita Rivera, die mit allem hier erwähnten zu tun hat, sie war in der Original-Produktion von Chicago, im “Nine”-Revival mit Antonio Banderas gab sie die “Folies Bergere”, und von den berühmten Leuten, die wir schon im Theater gesehen haben, hat sie den größten Eindruck auf mich gemacht. In “Chicago”. Sie wird in Kürze wieder am Broadway zu sehen sein, in einer neuen Produktion von “The Mystery of Edwin Drood:”
